Dr. Michael Preis

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Der erste Klang von Beethovens Erster




Stress

Ludwig van Beethoven hätte es ruhiger angehen lassen können. Seine erste Symphonie lässt er mit einem Septakkord beginnen. Ein solcher Akkord bedeutet Stress.

Hier hat er die Form eines Dominantseptakkords. Der ist an sich nicht ungewöhnlich. Erwartbar aber wäre, dass die Musik sich erst zu ihm hin entwickelt. Durchwinken würde man ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, kurz vor dem Ende einer musikalischen Phrase. Ein Klang wie dieser ist der Schritt vor der Ziellinie, die letzte Anstrengung vor der Grundtonart. Es muss das Publikum zur Zeit Beethovens irritiert haben, dass diese Erste, obwohl sie in C-Dur steht, nicht mit C-Dur beginnt.

Ein Septakkord, der es in sich hat.

Und es kommt noch merkwürdiger: Der Beginn dieser Ersten klingt zwar wie ein Dominantseptakkord, funktioniert aber als Zwischendominante. Die löst sich nicht in die Grundtonart auf, wie man es von einer endgültig bezwingenden Dominante erwarten dürfte, sondern nach F-Dur.

Danach dauert es ein paar Takte, bis Beethoven über eine elegant erweiterte Kadenz zur tatsächlichen Dominante gelangt: G-Dur. Bevor es überhaupt losgeht, schweift Beethoven also erst einmal ab. Auf C-Dur lässt er uns noch eine Weile warten. Es bleibt weiter spannend.

Die Musik vor der Musik

Wer das Orchester mit einer Zwischendominante anfangen lässt, für den liegt Musik schon in der Luft, bevor der Dirigent den Taktstock hebt. So gesehen schweift Beethoven eben gerade nicht ab, eher nimmt er einen Faden auf, den er nicht selber gesponnen hat. Er zollt der musikalischen Tradition vor ihm seinen Respekt, ohne sie nur matt zu kopieren.

Haydn und Mozart hatten ihre Symphonien immer einmal wieder mit einer langsamen Einleitung begonnen. Beethoven kennt dieses Muster, er erweist ihm seine Reverenz, indem er es verändert und weit über den instrumentalen Kontext hinaustreibt.

Auch dort, wo Beethoven ›nur Musik‹ schreibt, ohne Text und ohne explizite Botschaft, dient ihm Musik dazu, sich mit seiner Zeit auseinanderzusetzen - einer Epoche, so aufregend, krisenhaft, voller Tempo und unkalkulierbarer Sprengkraft, dass Beethoven sie nur mit allen Mitteln seiner Kunst in Partituren bannen konnte.

Implosion in C

Langsame Einleitungen komponiert er später auch für seine Zweite, Vierte und Siebte. Der Beginn der Ersten ragt trotzdem heraus: Mit einem Septakkord fängt keine seiner späteren Symphonien an. Unaufwändiger provokant und selbstbewusst kann Beethoven kaum auf sich aufmerksam machen. Die Folgetakte wirken innig, wo sie leise sind. Und sie erheben ihr Haupt, wo sie sich in Schale werfen. Beethoven packt uns mit dieser Einleitung nicht am Kragen, sondern er legt uns sanft die Hand aufs Herz.

C-Dur erreicht der erste Satz dann übrigens mit einem mittelleisen Wumms direkt nach der langsamen Einleitung. Dass Beethoven auch C-Dur kann, die Tonart auf den weißen Tasten, überrascht zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr.

© Michael Preis